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Reflexionen über Hegel, Kunst, Quantenphysik und Dialektik

von Dr Armin Medosch +2017

Das Q-Bit vor der Volksschule in Haibach ob der Donau

Wie die Philosophie uns lehrt, und das Kunstobjekt von Franz Xaver zeigt, sind die Gegensätze keinesfalls getrennt, sondern intrinsisch miteinander verbunden. Das Denken in Gegensätzen die sich wechselseitig bedingen nennt sich Dialektik und ist so alt wie die großen Zivilisationen. Die Dialektik gab es bereits in der frühen indischen Philosophie ebenso wie im Buddhismus. In der griechischen Antike wurde sie in den sokratischen Dialogen gepflegt und von Plato und Aristoteles verschriftlicht. Man kann ohne Übertreibung behaupten, bei der Dialektik handle es sich um etwas wahrhaft universelles. Weiß und Schwarz, rauh und sanft, links und rechts, warm und kalt gehören zusammen, sie sind nicht nur die jeweils eine Seite der Medaille, sondern Grundformen des Denkens, der Wahrnehmung und haben auch eine Grundlage in der Natur. Die letzte Aussage berührt allerdings ein philosophisches Grundproblem. Inwiefern sind diese Gegensätze bereits in den Dingen selbst enthalten oder bloß Kategorien des Denkens? Um diese Fragenkomplexe der Beziehung zwischen einem Subjekt und einem Objekt drehten sich die Schriften der großen Systembauer der europäischen Philosophie, an vorderster Stelle zu nennen Immanuell Kant und Georg Friedrich Hegel. Kant, in der platonischen Tradition stehend, glaubte an die Existenz transzendentaler Kategorien, das heißt dass diese außerhalb des Bewusstseins eines bestimmten Menschen existieren in einem ewigen Ideen-Äther. Die Ideen waren universell und ewig, der Erkenntnisprozess beruhte darauf, aus der Anschauung zu diesen Ideen vorzudringen. Doch für Kant standen sich Subjekt und Objekt durch eine fundamentale Schranke getrennt gegenüber. Das Ding-an-sich konnten wir gar nicht wissen, sondern nur die Idee davon. Geist und Materie waren verschiedene Ebenen ein und derselben Wissenschaft, für die jeweils eigene Wissensdisziplinen zuständig waren, die Naturphilosophie, wie die Naturwissenschaft damals hieß, für die Materie, und die Philosophie oder Metaphysik für die geistige Sphäre. Dazwischen gab es die Welt der sinnlichen Erfahrung und auf der Ästhetik Baumgartens aufbauend die Idee, dass der Kunst eine vermittelnde Rolle zu kam. Die Kunst beruhte auf Sinneserfahrungen und diese waren in der griechischen Traditionen als “nieder” eingestuft, im Vergleich zur reinen Welt der Ideen. Je geistiger eine Sache war, das heißt je gereinigter von jedem sinnlichen Rest, als umso höher galt sie. Diese unterschiedliche Wertschätzung der Erkenntnisweisen spiegelte sich auch in der unterschiedlichen Einschätzung von geistiger und manueller Arbeit, die uns bis heute erhalten geblieben ist. Wie überhaupt alle diese Probleme als grundlegend eingestuft werden können, als konstitutiv für den Wissensapparat, aber als keinesfalls gelöst und manche würden sagen als unlösbar geltend. Aber um auf die Kunst zurückzukommen, diese beruhte zwar auf den “niederen” Sinneseindrücken, doch da diese Schönheit zu vermitteln geeignet waren, gab es auch eine Verbindung zur höheren Sphäre, zur Philosophie und der Welt der Ideen. Das von Kant erfasste Grundproblem erhielt in der Zeit des Sturm und Drang und der frühen deutsche Romantik eine neue Wendung durch die Kunstphilosophien von Friedrich Schiller, Schlegel, und Schelling (dazu etwas weiter unten im Text mehr). Sie gehörten, ebenso wie Georg Friedrich Hegel, dem Jenaer Kreis an, einer Konzentration hochgradiger Intellektueller über den Zeitraum eines Jahrzehnts in der Kleinstadt Jena, von deren Produkten die Welt bis heute zehrt. Sie alle waren von der Französischen Revolution schwer beeindruckt, aber auch von der Tatsache, dass diese erst in den Terror und dann in das Kaiserreich Napoleons abgeglitten war. Obzwar man sich eine Revolution auch in deutschen Landen gewünscht hätte, so war das im Polizeistadt Preußen unmöglich. Also besann man sich auf eine Revolution im Geiste, in der Kunst und in der Philosophie. Dabei kam eine deutsche Besonderheit zum Ausdruck. Im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts war Deutschland im Vergleich zu Frankreich und England industrielle rückständig, es gab kein industrielles Bürgertum, und es gab auch nicht die starke Tradition eines ethisch geerdeten Rationalismus wie in Frankreich, ein Rationalismus der im Widerspruch zum irrationalen Diktat der Kirche und der Aristokratie die auf Vernunft beruhenden Entscheidungen betonte. Mit der Waffe der Vernunft und gekleidet in die Gewänder der griechischen und römischen Antike hatte sich das französische Bürgertum in der Revolution von 1789 zum Subjekt der Geschichte erhoben. In Deutschland war man der Vernunft gegenüber aber skeptischer eingestellt, sie galt als Verbündete der Macht und der Bürokratie. Auch in der Philosophie des Jenaer Kreises lebten vormoderne Inhalte fort.

Aus diesem Grund, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Grund verstanden als Nährboden und nicht als Kausalität, erhob sich die Philosophie Hegels in seinem ersten wichtigen Werk, der Philosophie des Geistes. Hegel brachte das dialektische Denken auf eine neue Stufe. Waren sich die Begriffspaare bei Kant statisch gegenüber gestanden, brachte Hegel Bewegung in die Sache, indem er die Gegensätze als im ständigen Werden dachte. Die berühmteste Analogie zwischen These, Antithese und Synthese bei Hegel ist jene von Knospe, Blüte und Frucht. Die Gegensätze sind nicht einfach nur Pole, sondern in einem dynamischen Werden begriffen. Hegels Phänomenologie beginnt mit dem Bewusstsein. Doch dieses Bewusstsein ist zunächst einmal einfache Wahrnehmung, es ist sich noch nicht seiner selbst bewusst. Das kann nur geschehen, indem sich das Bewusstsein von sich selbst wegbewegt, in die Welt, in das Bewusstsein der Dinge, in die Natur. Das geschieht bei Hegel nicht nur als theoretische Bewegung, sondern als historische Tätigkeit. Getrieben von der Begierde, erschafft sich der Mensch durch die Arbeit. Diese Selbstentäußerung, die im Keim bereits die Entfremdung beinhaltet, wie sie von Marx, auf Hegel beruhend, weiter gedacht wurde, ist aber zugleich Objektivierung. Die Anwendung von Arbeit auf die Naturkräfte auf die Objekte der Lebenswelt erschafft eine äußere Wirklichkeit in der sich zugleich etwas von unserem Wesen befindet. Es ist, im preußischen Frühkapitalismus, ein falsches Bewußtsein, das sich da manifestiert, aber es enthät auch ein Stück anthropologische Wahrheit. Durch diesen Kontakt mit der Welt erfährt der Mensch auch etwas über den wahren Charakter der Dinge. Indem sich der Mensch seiner selbst entäußert und in die Dingwelt entlässt, erfährt der Mensch ein Bewusstsein von sich selbst im anderen. Die Dinge können nun wieder ins Bewusstsein zurückgenommen werden, es entsteht Bewusstsein auf einer höheren Stufe, die Vernunft, die von sich selbst weiß, dass sie etwas weiß. Diese Vernunft findet sich bestätigt indem sie mit anderen vernunftbegabten Wesen in Kontakt tritt. Wir spiegeln uns in den anderen Menschen und gemeinsam produzieren wir eine gespiegelte Welt, die Kultur, die Kunst, die Literatur, in der uns diese purifizierte, auf das Wesenhafte gereinigte Existenz der Dinge entgegen tritt. Hegel hatte eine gehörige Portion erkenntnistheoretischen Optimismus, wie obige Passagen zeigen. Seine höchste Priorität galt zwar dem Begriff, aber um zum Begriff zu gelangen musste er die Welt als wirkliche denken. Wie der deutsche Philosoph Ernst Bloch in einem Kommentar über Hegels Subjekt-Objekt-Philosophie schrieb: „Wahres Denken ist das des Wirklichen, das sich zum Gedanken drängt. Der Gedanke kommt zu seiner Sache in derselben Bewegung, worin die Sache zu ihrem Gedanken kommt; beide reifen und berichtigen sich aneinander. (Bloch S. 199)

Keinen Augenblick dachte Hegel, so wie Kant, dass wir zum Ding-an-sich keinen Zugang hätten. Es ist diese Welt-zugewandte Seite des Hegelschen Denkens, das es für spätere Sozialrevolutionäre, ob Marx, Engels, Lenin oder Martin Luther King so verführerisch machte. Denn für Hegel waren nicht nur die Begriffspaare dialektisch angeordnet – das heißt sich gegenseitig bedingend, aber auch sich in beständigem Kampf überwindend und aufhebend – sondern auch die Realität selbst. Jedes Ding hat sein Gegenteil bereits in sich, das Sein kann ohne das Nichts nicht gedacht werden. Indem das Sein vom Nichts negiert wird entsteht das Werden, doch dieses Werden kann qualitativ verschieden sein, als ein Entstehen (in der Bewegung vom Nichts zum Sein) oder Vergehen (vom Sein zum Nichts). Was für Hegel aber vor allem zählte, war die Bewegung als Ganzes, ein ewiges Fließen in den Tälern der Wirklichkeit. Wie Bloch bemerkte, ist diese Seite der Dialektik “nichts für bequeme, kann aber gelernt werden.” Für den gesunden Menschenverstand hatte Hegel, worauf Bloch nicht ohne Süffisanz hinweist, wenig übrig. “Er erschien ihm nicht einmal als gesund, sondern als träge, leblos, verfettet. Er erschien ihm nicht einmal als Verstand, außer, im dürftigsten Sinn des Wortes, als starrer, schematischer. Daher wird gesunder Menschenverstand sich zwar unaufhörlich in Widersprüche verwickeln, aber niemals Widersprüche in sich und der Welt wahrnehmen, ” schrieb Bloch in Anlehnung an Hegel. Der kleinbürgerliche Hausverstand läßt sich gerne auf der einen Seite des dialektischen Widerspruchs nieder und tut so, als könne man die Gegensätze mit etwas gutem Willen überwinden. Die Geschichte aber schreitet fort, getrieben vom “ Stachel der Negation. ”

Nirgends wird das deutlicher als in der Dialektik zwischen Herr und Knecht, die von Hegel ganz ohne moralisierendes Getue dargestellt wurde. Der Knecht hat zwar das unglückliche Bewusstsein, weil er sein ganzes Leben damit zubringt, seinem Herrn die schönen Dinge für den Genuss des Lebens zu bereiten, ohne jemals selber genießen zu können. Aber eigentlich ist in dieser dienenden Funktion die Bedingung für die Aufhebung bereits gegeben. Denn der Herr erfährt alle Dinge nur durch die Arbeit seines Knechts. Er kann diese Dinge zwar konsumieren, weiß aber eigentlich nichts über sie. Dieses Wissen gehört dem Knecht, der die Dinge durch seine Arbeit zubereitet und daher zu ihrem inneren Wesen Zugang hat. Hegel sah das Fortschreiten des Bewusstseins zum Selbstbewusstsein und schließlich zur Vernunft als geschichtlichen Prozeß, den er jedoch, in einem plötzlichen U-Turn zirkelhaft im Weltgeist enden ließ. Indem in immer höheren Spiralen des Bewusstseins sich dieses seiner selbst und aller Dinge gewahr wird, entsteht, auf der höchsten Stufe, der sich selbst und alle Dinge wissende Weltgeist. Begriffe wie dieser kommen uns heute nur schwer über die Zunge. Auch schwingt in dieser Trilogie von These – Antithese – Synthese etwas vom heiligen Katechismus mit, wie auch Bloch anmerkte. Es erinnert möglicherweise allzusehr an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Was aber, wenn wir statt Weltgeist kollektive Intelligenz sagen? Oder wie Marx es nannte, der „general intellect? “ Marx musste Hegel “nur” vom Kopf auf die Füße stellen, um zu einer revolutionären Philosophie zu gelangen. Die Dynamik zwischen Herr und Knecht, Kapital und Arbeit, die Hegel auf die Seite des Geistigen umschlagen ließ und ihn im fortschreitenden Alter den Staat idealisieren ließ, als Inbegriff des vernünftigen Handelns, wurde bei Marx und Engels zum Klassenbewusstsein der Arbeiterklasse. Die Vollendung der Philosophie fand nicht in Gedanken statt, sondern in der Praxis, indem das falsche Bewusstsein durch die revolutionäre Tat aufgehoben werden sollte. Der Kapitalismus schuf laut Marx, die Bedingungen für seine eigene Überwindung. Dieser Widerspruch sollte zur Triebfeder der gesamten Entwicklung ab Mitte des 19. Jahrhunderts werden und ist es daher Wert, etwas näher ausgeführt zu werden.

Das tätige Kapital entwickelt die Produktionsmittel, das heißt die Technik. Dabei spielen zwei wichtige Bedingungen mit, einerseits der Konkurrenzkampf mit anderen Kapitalen, andererseits der Widerspruch oder Kampf mit den Arbeitern. Die Entwicklung der Technologie, so wie sie vom Kapital betrieben wird, zielt darauf ab, die Macht der Arbeiter zu schwächen, indem gezielt in Maschinen investiert wird. Maschinen sind vergegenständlichte, tote Arbeit, die nun mit der lebendigen Arbeit in Konkurrenz steht. Die Fähigkeit des Kapitals, tote Arbeit in Form des Maschinenparks gegen lebendige Arbeit zu mobilisieren, gereicht letzterer zum entscheidenden Nachteil, sollte man glauben. Industrieroboter ersetzen Arbeiter_innen oder die Produktion wird einfach ins Ausland verlagert und durch globale Logistikketten orchestriert. Maschinen ersetzen zunehmend nicht nur die Muskelkraft, sondern auch intellektuelle Fähigkeiten, solche der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung. Aber genau darin besteht auch ein Moment der Befreiung. Viel mehr Arbeit kann heute von Maschinen bewältigt werden, umso mehr Zeit hätten wir eigentlich für andere Dinge, für Kunst und Wissenschaft, für Gespräche, Freundschaften, Familie. Die Entwicklung der Produktivkräfte schafft die Bedingungen, die herrschenden sozialen Beziehungen in die Luft zu blasen. Dieses revolutionäre Potenzial entsteht aus der Entwicklung der Produktivkräfte, wie nicht oft genug betont werden kann. Die objektiven Bedingungen der Gegenwart, wie sie etwa durch das Internet und die digitalen Medien gegeben sind, würden eine postindustrielle Lebensform ermöglichen, in der wir ganz anderen Prioritäten folgen als noch im Industriezeitalter. Dieses Potenzial muss jedoch im Namen der herrschenden sozialen Verhältnisse wieder eingefangen werden. Das Internet würde eigentlich eine Sharing-Economy ermöglichen, eine gleichberechtigte Kommunikation zwischen Peers. Diese findet zwar statt, wird aber nun wieder auf einer anderen Ebene vom informationellen Kapital eingefangen. Dieses hat eine ganz andere Struktur als das Industriekapital, sein wichtigstes Anlageobjekt sind nicht mehr die Maschinen, sondern die Menschen. Doch das freie Spiel der kreativen Kräfte darf nicht ganz so frei sein, wie es könnte, sondern muss in die Kreativwirtschaft fließen, in neue Produkte aber auch Dienstleistungen. Das Produkt, das von den sozialen Medien verkauft wird, sind wir selber. Dieser kurze hegelianische Blick auf die Gegenwart sollte veranschaulichen, dass die Geschichte selbst entlang dialektischer Bahnen verläuft. Der Stachel des Widerspruchs treibt die Entwicklung voran, die nicht nur linear fortschreitet, sondern einen qualitativen Umschlagpunkt beinhaltet. Der Fehler von Marx und jener nach ihm kommenden und sich auf ihn berufenden war wohl, in Hegels Tradition stehend, zu sehr an die objektive Notwendigkeit des “Umschlagens” zu glauben. In Hegels gedanklicher und historischer Totalität war das Ende im Anfang schon angelegt.

Hegel schrieb: „Wenn alle Bedingung einer Sache vorhanden ist, tritt sie in Existenz. Die Sache ist, ehe sie existiert; und zwar ist sie erstens als Wesen oder als Unbedingtes; zweitens hat sie Dasein und ist bestimmt, einerseits in ihren Bedingungen, andererseits in ihrem Grunde … Diese durch Grund und Bedingung vermittelte und durch das Aufheben der Vermittlung mit sich identische Unmittelbarkeit ist die Existenz. ” (zitiert in Bloch 174-175). Die Marxisten glaubten, dass der Kapitalismus die Bedingungen für den Sozialismus schaffen würde. Wären die Bedingungen erst einmal geschaffen, würde diese Sache – der Kommunismus – notwendig in Erscheinung treten. Das zumindest sei, waren sich immer alle einig, die historische Tendenz. Den Begriff der Tendenz hatte Hegel von Leibniz und von der kinetischen Gastheorie. Schon Leibniz schrieb, dass jede Gesellschaft mit der ihr eigenen zukünftigen schwanger ginge. Die gesellschaftlichen Verhältnisse erzeugen einen Druck. Wie bei einer Gasmenge vervielfacht sich der Gegendruck im Verhältnis zum Druck und Volumen, bis die “Kesselwände der Geschichte” nicht mehr stand halten können. Die Tendenz führte bei Hegel jedoch letztlich wieder zum Ausgangspunkt zurück. Die idealistische Philosophie als in sich geschlossenes System verlangte das:

„Jeder der Teile der Philosophie ist ein philosophisches Ganzes, ein in sich selbst schließender Kreis, aber die philosophische Idee ist darin in einer besonderen Bestimmtheit der Elemente. Der einzelne Kreis durchbricht darum, weil er in sich Totalität ist, auch die Schranke seines Elements und begründet eine weitere Sphäre; das Ganze stellt sich daher als ein Kreis von Kreisen dar “ schrieb Hegel in seiner Enzyklopädie. Wie Bloch hinweist, bedeutet griechisch En-kyklo-paidia nichts anderes als In-Kreis-Lehre. Die vollkommenste Kreisgestalt ist die der Kugel, weshalb auch der Vor-Sokratiker Parmenides, einer der ersten, durch schriftliche Überlieferung belegte antike Philosoph überhaupt, von Platon als Vorbild genannt wurde. Parmenides dachte, dass alles Seiende in der Welt-All-Kugel enthalten sei. Die Veränderungen, die wir beobachten, geschehen nur zum Schein, an der Oberfläche. Das wahrhafte Sein ist unbeweglich, die in sich ruhende Welt-All-Kugel.

Die Kugel, die Franz Xaver aufgestellt hat, folgt einer eigenen Notwendigkeit. Sie ist keine Illustration der Philosophien, die in diesem Artikel ausgebreitet werden. Ebenso wenig dienen die philosophischen Ideen in diesem Artikel der Erklärung des Kunstwerks. Im späten 18. Jahrhundert wurde die Kunst autonom, das heißt sie gehorchte keinen anderen Gesetzmäßigkeiten als sich selbst. Hegel sah die Kunst wiederum geschichtlich, als mit bestimmten Gesellschaftsformen vermählt. Auf der höchsten Stufe, die für Hegel in der Poesie erreicht wurde, stellte sie gewissermaßen den direkten Draht zum Weltgeist her, als “allwissende Anschauung.” Die Hegelianische Kunsttheorie ist interessant, weil sie Verbindungen zwischen spezifischen Gesellschaftsformen und spezifischen Kunstformen herstellt. Damit formuliert sie eine Aufgabenstellung für eine zeitgemäße Kunsttheorie und Kunstforschung, die eben nicht an vermeintlich übergeschichtlichen Kategorien des Schönen festgemacht ist und als dialektisch materialistische Kunsttheorie den Boden verlässt, den Hegel bereitet hat. Im Kontext dieses Artikels wichtiger ist aber einerseits die Idee der Kunst als Reflexion, andererseits über die Ebene der Kunst die Verbindung zu einer idealistischen Naturphilosophie, sprich Philosophie der Naturwissenschaft.

Die Skulptur von Franz Xaver lässt uns spiegelschriftlich durch eine Kugel hindurch auf dialektische Begriffspaare schauen. Damit inszeniert sie als Skulptur eine bestimmte Vorstellung der Wissensordnung in der die Reflexion eine wichtige Funktion einnimmt (wobei Funktion hier nicht als utilitaristischer Begriff verstanden werden darf). Die Kunst reflektiert gesellschaftliche Zustände, das heißt sie gibt sie nicht naturgetreu, sondern in verzerrter Form wieder. Die Realität erscheint in der Kunst nicht einfach nur spiegelverkehrt, sondern in ihrer doppelten Negation. Folgen wir Hegel, dann hat jedes Ding sein Gegenteil. Es hat es, denn es ist immer schon da, sich wechselseitig konstituierend. Gute Kunst hat deshalb immer einen doppelten Boden. Sie bringt nicht einfach eine Sache zum Ausdruck, sondern auch deren Gegenteil, sie reflektiert auch die Negation mit. Sie kann sich nicht nur an der Oberfläche der Dinge festhalten, sie muss nach den Gründen suchen, dem Beweggrund, der Tendenz, aber auch nach jenen Bewegungen, welche die Tendenz zunichte machen. Kunst kann deshalb nie allein nur schön sein, denn dann wird sie zum Kitsch und langweilt. Hegels Freund und Kollege Schelling hat das in seiner Kunstphilosophie besonders radikal zum Ausdruck gebracht. Wenn die Kunst eine adäquate Reflexion der Lebensbedingungen sein soll, braucht sie die Angst und den Schrecken. Wird die Tragik des Lebens aber ins Unendliche verzerrt, wird auch das nicht mehr als glaubwürdige Darstellung empfunden. Der reine Schrecken, die tiefe Nacht aus der es nie ein Erwachen gibt, auch das läßt uns kalt. Eine Welt, in der es keine Häßlichkeit mehr gibt, hat auch keine Schönheit mehr aufzuweisen. Schönheit ist, letztlich, mehr als sie selbst, sie ist ein Utopieversprechen, eine Aussicht auf ein besseres Leben jenseits der Entfremdung und des Leidens am falschen Bewusstsein. Diese Kunst ist ein Organon der Philosophie, wie Schelling es nennt. Sie bringt auf sinnlich wahrnehmbarer, materieller Ebene zum Ausdruck, was die Philosophie auf der Ebene des Begriffs tut, die Dinge in ihrer Wesenhaftigkeit darzustellen – wobei diese Dinge, von denen so oft die Rede ist, eben nicht dinghaft sind, sondern das Werden, Prozesse, die geschichtliche Tendenz.

Die Reflexion kann aber auch anders aufgefasst werden, nämlich naturwissenschaftlich. Die Symmetrieforschung ist ein Strang in der Arbeit Franz Xavers. Symmetrie und Dialektik, das sind miteinander verwandte Begriffe, wenn auch nicht das Gleiche. Vom Aufbau des menschlichen Körpers bis hin zur symmetrischen Struktur der DNA spielt die Symmetrie eine wichtige Rolle. Die Symmetrie ist auch, wie Bloch erinnert, in der von Leibniz entwickelten Differentialrechnung manifestiert, durch die beiden Seiten einer Gleichung. Bloch: “Auch die Differentialrechnung enthält einen dialektischen Keim: sie setzt gerade und krumm unter gewissen Umständen als gleich (bereits in der analytischen Geometrie kann die Gerade als Kurve ersten Grades mit unendlich geringer Krümmung behandelt werden); sie setzt im unendlich Kleinen die Gleichheit als Sonderfall der Ungleichheit, die Ruhe als unendlich kleine Bewegung. Aber vorausgesetzt ist hier allemal die Stetigkeit der Veränderungen; nur unter dieser – jeden historischen Sprung ausschließenden – Voraussetzung liefert die Differentialgleichung […] eine Voraussage des Erscheinungsablaufs.” (Bloch, S. 65) Der Philosoph fährt fort zu erklären, würden „jedoch sprunghafte Veränderungen untersucht, ” seien, um diese mathematisch zu formulieren,“statt der Differenzialgleichung Differenzungleichungen” einzusetzen. (Ibid., 66) Die einzige Differenzungleichung großen Stils sei laut Bloch in der mathematischen Physik “die der Entropie oder des Kältetods.” Diese ist aber, wiederum, und hier wird es wirklich spannend, Grundlage für die mathematische Theorie der Information. Information ist, laut Norbert Wiener, negative Entropie, es ist die Fähigkeit des Lebens durch seine organisierende Kraft der Entropie lokal entgegenzuwirken. Die dialektische Materie ist symmetrisch, das Leben baut seine Moleküle so auf, dass sie der Tendenz zum entropischen Zerfall widerstehen.

Ernst Bloch war in einen ideologischen Streit mit dem wissenschaftlichen Positivismus verstrickt. Hegel zu Hilfe nehmend, bezichtigte er diesen der „Froschperspektive“. Die Hegelsche Dialektik sei vor allem “Theorie der Bewegung. Doch eben keiner mechanisch bleibenden wie bei Galilei und Newton, sondern einer qualitativ produktiven, einer Bewegung wirklicher Geschichte, worin auf notwendig-vermittelte Art Neues entsteht. ” schrieb Bloch. Hegel war der Philosoph des geschichtlichen Umschlags von Quantität in Qualität und umgekehrt. Hegel:

„Es gibt keinen Sprung in der Natur, wird gesagt; und die gewöhnliche Vorstellung, wenn Sie ein Entstehen und Vergehen begreifen will, meint es damit begriffen zu haben, daß sie es als ein allmähliches Hervorgehen und Verschwinden darstellt. Es hat sich aber gezeigt, daß die Veränderungen des Seins überhaupt nicht nur das Übergehen einer Größe in eine andere Größe, sondern Übergang vom Qualitativen ins Quantitative und umgekehrt sind, ein Anderswerden, das ein Abbrechen des Allmählichen und ein Quantitativ-anderes gegen das vorhergehende Dasein ist. ” III S. 450: 174

Laut Bloch war es „die Spezifikation der Geschichte selber, welche hier die Schranke des Kalküls“ bildete. Der Kampf geht und ging nicht nur im Rationalität versus Irrationalität, sondern um die Frage: welche Logik? Die wissenschaftliche Logik kenne nur die lehren Schemata des Denkens, ohne Inhalte. Das Postulat der Widerspruchsfreiheit führe letztlich zu einem Ja=Ja, Nein=Nein. Und in der Tat hat diese Form des wissenschaftlichen Denkens sehr lange die Vorstellungen von Wissenschaftlichkeit überhaupt bestimmt. Das dialektische Denken jedoch denkt die “unumkehrbaren Nicht-Gleichungen oder Wachstümer des historischen Lebens “logisch”. (Bloch, S. 66) Hegel glaubte noch an das Primat der Philosophie über die Naturwissenschaft. Seine Naturphilosophie liest sich daher, ebenso wie die Schellings, über weite Strecken als grotesker Unsinn. Doch: „Qualitative Naturphilosophie hört auf, bloß absurd zu erscheinen, sobald sie nicht ausschließlich vom Gegenstandpunkt des Mechanismus, vom noch so siegreich gewordenen, gewertet wird. ” (Bloch, S. 210). Manchmal braucht man nur die Begriffe auszutauschen und statt Schellings “innerstem Prinzip” Naturgesetz sagen, oder auch Information, und schon macht es ansatzweise Sinn. Das sah schon Friedrich Engels: “Die Naturphilosophen verhalten sich zur bewußt dialektischen Naturwissenschaft wie die Utopisten zum modernen Kommunismus.” (zitiert in Bloch S 210-211).

Von Descartes an wurde die Wissenschaft zunehmend von allem gesäubert was sich nicht in mathematische Theorem zwängen ließ. Der logische Positivismus des Wiener Kreises in der Zwischenkriegszeit brachte das auf einen Höchststand. Alles was sich nicht in einem purifiziertem Scientific English auf klare Statements reduzieren ließ, sei nicht Thema der Wissenschaft sondern Literatur, Poesie. Diese Programmatik lief letztlich auf eine Abschaffung der Philosophie als Königsdisziplin hinaus. An den Spätfolgen dieser Entwicklungen leiden wir immer noch. So wurde das, was einmal Philosophie und Geschichte der Wissenschaft hieß, in Science Studies umgenannt. Diese Umtaufe verkündet jedoch eine große Verarmung der Disziplin. Die Philosophie der Wissenschaft erlaubte sich, erkenntnistheoretisch kühn zu sein, sie konnte die Grundlagen der Wissenschaft in Frage stellen. Science studies hat sich weitgehend auf ein Repertoire ethnografischer und soziologischer Methoden zurückgezogen, mit denen untersucht wird, wie Wissenschaftler Wissenschaft betreiben. Vor dem Hintergrund dieser grauen Welt des Fächerkanons, in der dem spekulativen Denken so wenig zugetraut wird, lassen sich nun zwei, drei miteinander verbundene Stränge erkennen. Einerseits ist nun mit der Quantenphysik im Herzen des wissenschaftlichen Apparats selbst eine Disziplin entstanden, die ohne Spekulation nicht auskommt. Hegel, als Philosoph des geschichtlichen qualitativen Sprungs hätte wohl seine Freude am Quantensprung und wäre wohl nicht weniger erfreut, würde er über den Welle/Teilchen Dualismus und das Unschärfe-Theorem erfahren. Das Paradox, dass ein Teilchen zugleich eine Welle ist, zwingt den theoretischen Physikern dialektisches Denken auf. Die Einheit der Widersprüche ist nun ins Zentrum dessen gerückt, wie wir über die “Mechanik” der Welt in ihrem inneren denken, und die mechanisch ist plötzlich kaum noch maschienhaft. Die Tatsache, dass wir von einem Teilchen nie zugleich die Masse und die Geschwindigkeit erfahren können, und dass die Messung das Objekt beeinflusst, ist wie eine Illustration von Hegels Subjekt-Objekt-Philosophie. Bis noch vor wenigen Jahrzehnten war es üblich, vom Schleier der Isis zu sprechen, womit keine fundamental-islamistischen Terroristen gemeint waren, sondern die Göttin der Weisheit. Laut Hegel können wir diesen Schleier nur lüften, indem wir durch ihn hindurch treten, und was wir auf der anderen Seite finden werden, sind wiederum nur wir selbst. Die Naturwissenschaft, die sich größte Mühe gegeben hat, das Subjekt zu entfernen, und die Natur als objektiv zu denken, als reines äußeres, leblos gegebenes Feld, durch das der Pflug des Wissens geführt wird, hat nun ein Stadium erreicht, indem sie, zumindest in der Quantenwelt, zur puren Philosophie, aber auch ästhetischen Spekulation wird. Die Philosophie der Wissenschaft hat sich selbst freiwillig derartig beschnitten, dass sie gar keine Philosophie mehr ist. Kein Wunder, dass nun jeder theoretische Physiker, der etwas auf sich hält, philosophische Bücher schreibt, ob Zeilinger oder Pietschmann.

Wenn wir Wissenschaft als etwas verstehen, das wir nicht einfach nur hinnehmen wollen, als etwas, das über unseren Köpfen ausgetragen wird, dessen Segnungen aber auch Leiden wir dann ertragen müssen, dann brauchen wir anschauliche Reflexionen des nicht mehr darstellbaren. Die Tätigkeit von Künstlern wie Franz Xaver leistet ein Anschaulichmachen einer wesenhaften (oder inneren) Wirklichkeit, die sich normalerweise unserer Wahrnehmung entzieht. Sie schließt damit an die 200 Jahre alte Schule der idealistischen Kunst- und Naturphilosophie eines Hegel und Schelling an. Es ist kein Zufall, dass die Jenaer Romantik zwar mit Newton wenig anzufangen wusste, dafür aber umso mehr mit Giordano Bruno und Johannes Kepler. Franz Xaver's Kugel steht in einer Tradition der Weltharmonielehre eines Kepler und der diagrammatischen “Kunst” eines Giordano Bruno, der in seinen Diagrammen des “Weltgeheimnis” zu entschlüsseln hoffte, indem eine Analogie zwischen der “höheren Wahrheit des Himmels ” und den im Diagramm abgebildeten Proportionen hergestellt wurde. Ohne postmoderne Scharlaterie und Mystizismus, aber auch ohne neopositivistisches Philosophieverbot nimmt sich Franz Xaver die selten gewordene Freiheit einer Kunst, die aufs Ganze geht und Verbindungen zwischen Werk und Welt formulieren. Als Referenzpunkt dient ihm ein anderer Bloch, nämlich Felix Bloch, dessen Bloch-Kugel den wahrscheinlichkeitstheoretischen Zustand des Quantenbits abbildet. Die Kugel des Parmenides als Welt-All geschrumpft auf die Quantenebene dient der Zustandsbeschreibung der All-Zustände des Quantums. Die Wissenschaft ist geschichtlich geworden, sie ist auf dem Sprung. Ob die Kunst da noch lange mithalten können wird, ist eine andere Frage. Manche Künstler zumindest, versuchen es noch.